N E W S L E T T E R

Etinosa Yvonne
It's All In My Head

Das Projekt untersucht die Mechanismen, mit denen Überlebende des Terrorismus und gewaltsamer Konflikte in Nigeria ihre Traumata bewältigen, und will diesen Menschen einen besseren und langfristigen Zugang zu psychosozialer Unterstützung ermöglichen. Einige der Überlebenden haben brutale Gewalt erlebt – an ihrem Besitz, ihrer Familie, am eigenen Leib. Viele von ihnen können bis heute nicht über ihre Erfahrungen sprechen. Einfach weitermachen ist für die meisten nicht möglich, da das Durchlebte ihre Gedanken prägt. Das Projekt zeigt, welche Schwierigkeiten diese Menschen haben, selbst mit fremder Hilfe ein „normales“ Leben weiterzuführen. Darüber hinaus sucht die Autorin nach den Ursachen von Terrorismus und Gewaltkonflikten im bevölkerungsreichsten Land Afrikas.

Projekt anschauen (etinosayvonne.me)

  • Gewalt
  • Krise
  • Personal Story
  • Spuren
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Interview mit der Fotografin Etinosa Yvonne.

1. Der Türöffner: Kannst du einen prägenden Moment in deiner Karriere als Bildjournalistin beschreiben?

2016 arbeitete ich für eine Gesundheitsorganisation im Hauptstadtterritorium von Nigeria als PR-Beauftragte und Community-Mobilizer. Es war eine Plattform für Telemedizin, die Dienstleistungen für Menschen in ländlichen und schwer erreichbaren Gebieten anbot. In einer der Gemeinden, in denen wir arbeiteten, lernte ich ein Paar kennen. Vor unserem Treffen hatte die Frau fünf Jahre lang mit einer vesikovaginalen Fistel gelebt. Ich sprach mit dem leitenden Arzt über ihren Zustand. Wir fanden schließlich ein Krankenhaus im Osten Nigerias, das eine kostenfreie Korrektur-Operation anbot.
Nach meinen Gesprächen mit dem Paar war mir klar, dass die sie nicht den ganzen Weg zum Krankenhaus gehen und dort alles selbst regeln konnten. Also meldete ich mich freiwillig, um sie zu begleiten und ihnen zu helfen. Zu der Zeit hatte ich begonnen mit der Kamera meiner älteren Schwester „herumzuspielen“. Ich nahm die Kamera mit und fotografierte das Paar während unserer kurzen gemeinsamen Zeit. Die Operation der Frau verlief erfolgreich, und sie kehrte mit ihrem Mann nach Hause zurück. Bis zum Jahr 2016 kannte ich weder das Wort Dokumentarfotografie noch Bildjournalismus, aber ich wusste, dass es etwas gab, was ich tun konnte, indem ich fotografierte und Geschichten erzählte. 2017 entschied ich mich nach einer schrecklichen und traumatischen Arbeitserfahrung mehr über Fotografie als Ausdrucksmedium zu lernen und zu schauen, ob ich daraus einen Beruf machen konnte.

2. Der entscheidende Moment: Wann ist dir dein Thema das erste Mal begegnet und wieso hast du dich dazu entschieden, es fotografisch zu bearbeiten?

„It’s All In My Head“ ist ein Multimedia-Projekt, das die Bewältigungsmechanismen der Überlebenden von Terror und gewalttätigen Konflikten in Nigeria untersucht.

Im Februar 2018 sah ich den Dokumentarfilm „Salam Neighbor“. Es ging um einen kleinen Jungen, der mich dazu brachte, intensiv über die Gemütsverfassung von Flüchtlingen und Vertriebenen nachzudenken. Der Junge war ein syrischer Flüchtling, der in Jordanien lebte. Er weigerte sich, dort in die Schule zu gehen. Nach einiger Überzeugungsarbeit durch die Produzenten der Dokumentation öffnete er sich ihnen gegenüber, und es wurde klar, dass er etwas verstört und traumatisiert war durch die Dinge, die er in seinem Land erlebt hatte, und er deswegen nicht in die Schule wollte. Am Ende der Dokumentation kehrte er dann doch in die Schule zurück. Nachdem ich den Film gesehen hatte, wollte ich verstehen, wie einige der Überlebenden von Terror und gewalttätigen Konflikten in Nigeria mit ihrer neuen und eher unerfreulichen Realität mit nur wenig oder gar keiner psychosozialen Unterstützung zurechtkommen. In der Regel fokussieren sich humanitäre Organisationen, Regierungsbehörden und andere nach einem Anschlag darauf, Hilfsgüter zu liefern, provisorische Krankenhäuser, temporäre Häuser, Schulen und dergleichen mehr zu errichten. Obwohl das natürlich alles notwendig ist, wird der psychischen Verfassung der Überlebenden wenig Priorität eingeräumt. Ich begann dieses Projekt, um die Aufmerksamkeit der Gesellschaft auf den Seelenzustand einiger Überlebender zu lenken. Mithilfe des Projektes möchte ich mich für einen verstärkten und langfristigen Zugang zu psychosozialer Unterstützung für die Überlebenden einsetzen, was wiederum ihre psychische Gesundheit verbessern wird. Ich untersuche, wie diese Menschen zu kämpfen haben, um weiterzumachen, indem ich montierte Bilder von Portraits der Überlebenden und Dingen, die sie tun, nutze, um ihnen zu helfen.

3. Die Zukunft: Wie kann der visuelle Journalismus der Zukunft aussehen?

Bildjournalismus wie wir ihn kennen, wird sich weiterentwickeln, da immer mehr Künstler nach Möglichkeiten suchen, die Grenzen der Erzählbarkeit einer Geschichte zu erweitern. Bildjournalismus wird auch weiterhin ein Instrument sein, indigene Narrative wiederzugewinnen und zu verbreiten, was dazu beitragen wird, falsche Vorstellungen über Menschen, Rasse, Stämme, Religion und andere Dinge neu zu definieren und zu beenden.

*1989 in Benin, Nigeria
Etinosa Yvonne arbeitet seit 2017 als Dokumentarfotografin und visuelle Künstlerin. Sie betrachtet Fotografie als Mittel zur sozialen Veränderung und bedient sich der Kraft des visuellen Erzählens, um Menschen für Themen zu sensibilisieren, die ihr am Herzen liegen, und sie über diese Themen zu informieren. Nach dem Studium der Theaterwissenschaft bildete die Autodidaktin sich 2018/2019 durch Fotografieworkshops in Nigeria, Südafrika, Kenia und den USA intensiv fort. Sie fotografierte unter anderem für die Obama Foundation, die ILO und Save the Children UK und ihre Arbeiten wurden im Guardian publiziert.

www.etinosayvonne.me
@etinosa.yvonne

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