N E W S L E T T E R

Laura Ben Hayoun
A la moindre étincelle, c'était l'explosion (2019)

In der Familie meines Vaters ist es üblich, uns selbst als ‚Pied-noirs‘ zu bezeichnen. In dieser französischen Familie (jüdischer Herkunft) war es unmöglich, über Algerien zu sprechen. „A la moindre étincelle, c’était l’explosion“ ist ein künstlerischer Versuch, das zu visualisieren, worüber man nicht sprechen konnte. Ben Hayoun regt ihre Familienmitglieder freundlich an, über ihr Leben in Algerien zu sprechen, einem Land, das sie nach seiner Unabhängigkeit 1962 verlassen mussten. Ein Gespräch darüber vermeiden sie, da es mit Vorstellungen von Kolonialismus, Rassismus, Folter und Terrorismus verbunden ist.

Ist es möglich, eine Erinnerung herzustellen, wenn es nur Schweigen gibt? Was könnte solch ein Bild ausstrahlen? Deshalb arbeitet Laura Ben Hayoun mit der Neuinterpretation von Bildern und inszeniert Nachstellungen. Die gefundenen Bilder, Video-Stills, inszenierten Fotos und persönlichen Notizen schaffen eine Vergangenheit und ein Land, das niemals ihres war.

Tatsächlich ist ihre Arbeit ein visueller Kampf, der uns zwingt, in eine Geschichte zurückzukehren, die zu ihrer Familiengeschichte wurde. Ein Kampf zwischen einem Mädchen und ihrem Vater, der Missverständnisse und Tabus hinterfragt. Sie nimmt uns mit zurück nach Oran, wo er 1956 geboren wurde, und nach Valence, wo ihre Schwester und sie als Nachkommen dieser nie weitergegebenen Erinnerung geboren wurden.

Laura Ben Hayoun, “Asking Questions”, aus der Arbeit “A la moindre étincelle, c’était l’explosion”

Übersetzung von “Asking Questions”
LBH: Und du erinnerst dich an garnichts ?

MBH: Überhaupt nichts. Nicht mal die Abreise oder die Ankunft. Ich kann also nicht mit dir darüber sprechen, es betrifft mich nicht, frag mich nicht, es betrifft mich nicht. […]

LBH: Und deine Eltern? Denkst du sie waren erleichtert oder traurig darüber Algerien zu verlassen?

MBH: Darüber haben sie nie gesprochen. Das ist also geklärt.

LBH: Aber du hast ihnen nie Fragen gestellt?

MBH: Nie. Ich bin nicht neugierig, ich stelle keine Fragen. Wenn es mich nicht interessiert, dann stelle ich keine Fragen. Verstehst du?

Excerpts from a Q&A on occasion of the C/O Berlin Talent Award 2020
Tell us about your project.

On my father’s side, it is common to call ourselves ‘pied-noir’. In my french family with jewish ascendance, talking about the war in Algeria was impossible. My project “Just one spark, and everything could explode” is an artistic attempt to visualise what could not be spoken about. Talking about Algeria would have meant talking about their life and their forced departure in 1962, when French Algeria became Algeria. That would also have meant talking about colonialism, racism, torture and terrorism. Therefore my questions are: Is it possible to create a memory when there is just silence? What could such an image radiate? My work is a visual fight that forces us to get back into a history that became my family history, in order to question misunderstandings and tabous. I tell it in Valence, France, with my father (born french in Algeria in 1956), and with my sister and I, born in France, descendants of this never passed down memory.

How does your work transcend the documentary?

From a framework grounded into reality and research, I create reenactements that allow me to reappropriate this specific history and question our collective memory. Documentary becomes a place for creation in which I don’t look for exactitude. I try to open possibilities of interpretation and imagination for the viewer. A history of war and colonisation is also a story of in-betweens (life/death, moving/fixed images, me/my father, France/Algeria). It doesn’t have only one entry and it can’t be said with one image. I wanted to get out of the ‘instant décisif’, and by multiplying the images, showing the weaknesses of those images.

Do "networked images," i.e. the flood of images circulating online, play a role in your work?

Confronted to the silence of my family, I first went to look online for images of the Algerian war of independence and discovered thousands of images. But in fact there were just about fifty, repeating themselves. But never the same crop, never exactly the same color. It made me realize that there is not an image overflow, but rather a lack of them, of those that offer other narrations and those that exist but suffer invisibility on the internet.

Die Arbeit von Laura Ben Hayoun (geb. 1984 in Frankreich) behandelt Grenzen, Migration und imaginäre Territorien. Sie studierte Visuelle Anthropologie in Lyon, bevor sie einen Master in Dokumentarfilm und einen in Fotografie und zeitgenössischer Kunst in Paris anschloss. Ihre Arbeiten wurden in der Tate Modern in London (2014), auf dem Festival de la Photographie Méditerranée in Nizza (2017) und bei Circulation(s) in Paris (2017) ausgestellt. Sie hat zahlreiche Preise gewonnen und war Finalistin bei den Unseen Dummy Awards 2019, Platform 2020 und auf der Shortlist des C/O Berlin Talent Award 2020. Laura Ben Hayoun lebt in Paris und arbeitet derzeit in Algier, Algerien, und Eriwan, Armenien.

Instagram: @laura_ben_hayoun
Webseite: https://laurabenhayoun.com