N E W S L E T T E R

Ingmar Björn Nolting
Hinter Fassaden

Als das 18-stöckige Iduna-Zentrum in den frühen 1970er-Jahren gebaut wird, gilt es als Göttingens Prestigeobjekt mit 407 Wohnungen, Schwimmbad, Sauna und Einkaufszentrum. Wer hier wohnen will, muss es sich leisten können. Doch im Laufe der Zeit wird das anonyme Wohnen immer unattraktiver. Viele Eigentümer*innen und Mieter*innen ziehen aus und Sozialhilfeempfänger*innen und Geflüchtete aus dem ehemaligen Jugoslawien ziehen ein. Die Bewohner*innenstruktur verändert sich und somit auch der Ruf des Gebäudes. Heute ist der Betonblock „Bausünde” und „sozialer Brennpunkt”: Das Einkaufszentrum gibt es nicht mehr, Sauna und Schwimmbad sind geschlossen. Die meisten Hochhäuser der 1970er-Jahre teilen dasselbe Schicksal – die Wohnkomplexe wurden zu Sinnbildern einer gescheiterten städtebaulichen Utopie. Für sein fotografisches Langzeitprojekt zog Ingmar Björn Nolting für fünf Monate in das Hochhaus und porträtierte Sozialhilfeempfänger*innen, Geflüchtete, Drogenabhängige, Studierende und Rentner*innen in Altersarmut.

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3 Fragen
1. Der Türöffner: Kannst du einen prägenden Moment in deiner Karriere als Bildjournalist beschreiben?

Ich denke, den einen prägenden Moment gibt es nicht. Es sind vielmehr die zahlreichen Eindrücke und Einblicke, die man als Dokumentarfotograf bekommt. Für mich war die Fotografie immer ein Schlüssel zu den Themen und Lebensrealitäten, die mich interessieren. Die Begegnungen, die mir während meiner Arbeit ermöglicht wurden, empfinde ich als sehr prägend und bereichernd.

2. Der entscheidende Moment: Wann ist dir dein Thema das erste Mal begegnet und wieso hast du dich dazu entschieden, es fotografisch zu bearbeiten?

Als ich im Herbst 2016 mit meinem Projekt in Göttingen begann, lebte mein Bruder noch dort. Ich besuchte ihn öfter und hörte von den Geschichten, die sich um dieses Gebäude ranken. Ich habe mich schon immer für den „Rand“ unserer Gesellschaft interessiert. Für mich war es wichtig, davon auf Augenhöhe zu erzählen. Deshalb habe ich mich auch über einen langen Zeitraum mit dem Gebäude und einigen Bewohner*innen beschäftigt.

3. Die Zukunft: Wie kann der visuelle Journalismus der Zukunft aussehen?

Der visuelle Journalismus wird bildsprachlich und konzeptuell diverser werden. Das hoffe ich zumindest. Die Zukunft gehört den jungen Fotograf*innen, die sich intensiv mit ihren Themen auseinandersetzen, sich Gedanken über ihre Haltung, Bildsprache und die Präsentation ihrer Arbeit machen. Daraus werden sich neue Erzählformen ergeben, die auch in einer immer schneller werdenden digitalisierten Welt Bestand haben.

Interview
Wie hast du Kontakt zu den Bewohner*innen in dem Haus aufgenommen und wie hat sich deine Beziehung zu den Menschen über die Zeit dort entwickelt?

Meinen ersten Kontakt hatte ich in einer Suppenküche in Göttingen. Ich traf mich dort öfter mit dieser Person, bis sie mich mitnahm zu sich. Ich habe immer versucht in einem vertrauensvollen Verhältnis mit den Protagonist*innen zu arbeiten und meine Projektidee transparent zu machen. Irgendwann wurde ich im Haus „weiterempfohlen“. An Türen habe ich eigentlich nie geklopft.

Wie hat dein Einzug in das Iduna Zentrum deine Arbeit beeinflusst und gab es Situationen, in denen du deine Doppelrolle als Bewohner und Fotograf als problematisch empfunden hast?

Eigentlich nicht. Für die meisten meiner Protagonist*innen war ich der Fotograf, der nun mal irgendwann auch im Haus wohnte. Die meisten kannte ich schon bevor ich einzog. Für mich war es viel wichtiger das Leben dort aus einer anderen Perspektive beobachten zu können, es bis zu einem gewissen Grad auch selbst nachfühlen zu können.

War es schwer für dich, einen Schlussstrich am Ende der Arbeit zu ziehen und hast du noch Kontakt zu jemandem aus dem Zentrum?

Ein solches Projekt hat kein Ende, außer man setzt sich selbst einen Zeitpunkt. Für mich war es der Termin meines Auszugs aus dem Wohnkomplex. Ich hatte drei Monate zuvor den Mietvertrag gekündigt und damit war der Zeitpunkt fix. Mir war klar, dass ich nach dieser sehr intensiven Zeit nicht mehr an diesem Thema weiterarbeiten werde. Der Abschied von den Menschen, die ich dort kennen gelernt habe, ist mir schwergefallen. Mit einigen bin ich noch in Kontakt. Wir telefonieren oder tauschen uns über soziale Netzwerke aus. (Interview: Jan Kräutle)

Während des Projekts verteilte der Fotograf Ingmar Björn Nolting Notizbücher an die Bewohner*innen, die sie frei gestalten konnten. © für alle Bilder: Ingmar Björn Nolting

Beitrag zusammengestellt von Jan Kräutle

© für alle Fotos die Fotografinnen und Fotografen
© für alle Videos Lumix Festival Hannover, wenn nicht anders angegeben.

*1995 in Aalen, Deutschland
Ingmar Björn Nolting hat Fotografie an der FH Dortmund studiert und lebt als freier Fotograf in Leipzig. In Langzeitprojekten widmet er sich der Dokumentation sozialer, geografischer oder geopolitischer Isolation. 2018 gewann er den Emerge Visual Journalism Grant für die hier ausgestellte Arbeit „Hinter Fassaden“. Gemeinsam mit vier weiteren Fotograf*innen hat Nolting das DOCKS Collec­tive ins Leben gerufen.

www.ingmarnolting.de
@ingmarbnolting

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