N E W S L E T T E R

Jeremy Suyker
Come as You Are

„Wann ist ein Mann ein Mann?“, hat Herbert Grönemeyer, einer der bekanntesten deutschen Sänger, bereits 1984 gefragt. Welche Eigenschaften machen einen „echten“ Mann aus? Ist es Mut? Stärke? Emotionale Zurückhaltung? Während man im Alltag immer mehr versucht, diese Stereotype beiseitezuschieben, hält sich die sportliche Welt am Modell hegemonialer Männlichkeit fest. Die Berliner Bruisers (dt.: Rabauken) haben keine Angst, an der Repräsentation der Maskulinität im Sport zu rütteln. Der Rugby-Verein heißt alle Spieler willkommen: ob klein oder groß, dünn oder korpulent, schwul, transgender oder heterosexuell. Die einzige Voraussetzung ist: Sie teilen die Werte Gleichstellung, Toleranz und Teamgeist. Die etwa 40 Mitglieder des 2012 entstandenen Teams stammen aus ca. 20 Nationen – ein Multikulti-Gedanke, der das Wesen Berlins widerspiegelt. Die Bruisers trainieren zweimal pro Woche, nehmen an schwulen und nicht schwulen Turnieren teil und spielen inzwischen in der dritten Liga. Aber insbesondere kämpfen sie seit sieben Jahren gegen die alltägliche Diskriminierung – eine sportliche Hochleistung.

  • Deutschland
  • Gemeinschaft
  • LGBTQI
  • Sport
3 Fragen
1. Der Türöffner: Kannst du einen prägenden Moment in deiner Karriere als Bildjournalist beschreiben?

Ein prägender Moment in meiner Karriere war meine erste Reise in den Iran im Jahr 2013. Ich habe an einem Projekt über kreativen Ungehorsam in der Kunstwelt gearbeitet. Es war eine fantastische Erfahrung, sowohl für mich privat als auch in professioneller Hinsicht als Bildjournalist. Ich war komplett in eine Untergrundszene eingetaucht und habe das Leben junger Künstler*innen in der Hauptstadt Teheran dokumentiert. Ich fühlte mich privilegiert, da mir ein sehr privater Einblick gewährt wurde und mir bewusst war, wie streng und repressiv das islamische Regime mit Künstler*innen umgehen kann. Das Ergebnis war eine wunderschöne Reportage, die vielfach veröffentlicht wurde und weltweit die Aufmerksamkeit der Medien erlangte.

2. Der entscheidende Moment: Wann ist dir dein Thema das erste Mal begegnet und wieso hast du dich dazu entschieden, es fotografisch zu bearbeiten?

Auf die Bruisers stieß ich Anfang 2018 durch einen Algorithmus auf Instagram! Fasziniert von deren einzigartigem Weg ging ich nach Berlin, um ihre besondere Entwicklung kennenzulernen. Im Juni 2018 folgte ein Trip nach Amsterdam, wo der Bingham Cup ausgetragen wird – die schwulen Rugby-Weltmeisterschaften. Zwei weitere Aufenthalte in Berlin schlossen sich an, bei denen ich engere Verbindungen zu einigen der Spieler aufbaute, die dann die Protagonisten dieser Geschichte wurden. Ich habe mich für die Bruisers entschieden, weil sie das Konzept der Heteronormativität durcheinanderbringen und uns zwingen, darüber nachzudenken, wie Männlichkeit in unserer Gesellschaft dargestellt wird.

3. Die Zukunft: Wie kann der visuelle Journalismus der Zukunft aussehen?

Ich hoffe, dass der Bildjournalismus der Zukunft nicht nur technologiegesteuert sein wird. Die Technologie ist ein wunderbares Mittel und ein großer Türöffner, aber sie kann einen auch fehlleiten. Nichts wird jemals ein gutes Narrativ und eine gut umgesetzte visuelle Geschichte ersetzen. Die großen „Bildjournalist*innen von morgen“ sind diejenigen, die momentan an multidisziplinären Projekten arbeiten, die uns jenseits ihrer fotografischen Fähigkeiten im Hinblick auf die von ihnen transportierten Werte inspirieren. Ich glaube, der Bildjournalismus wird immer persönlicher werden und seine Balance finden zwischen objektiver Berichterstattung und Ich-Erzählungen.

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Jeremy Suyker spricht über Stereotypen.

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Naiz

Beitrag zusammengestellt von Tom Zelger

© für alle Fotos die Fotografinnen und Fotografen
© für alle Videos Lumix Festival Hannover, wenn nicht anders angegeben.

*1985 in Frankreich
Jeremy Suyker begann seine fotografische Arbeit 2011 mit einer Dokumentation der Folgen des sri-lankischen Bürgerkriegs. Seitdem konzentriert er sich auf soziokulturelle Themen. Besonders bekannt wurde seine Geschichte „The Persian Factory“ über die komplexen Lebensrealitäten von Künstler*innen im Iran. Suykers Bilder wurden unter anderem in National Geographic France, The Sunday Times Magazine, GEO, Newsweek Japan, The Washington Post publiziert.

www.jeremysuyker.com
@suykerphoto

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