N E W S L E T T E R

Tamina-Florentine Zuch
Left to Die

In Toljatti ist durchschnittlich jeder achte 30-jährige Mann HIV-positiv. Die russische Stadt mit 700.000 Einwohner*innen liegt in der Oblast Samara und wurde durch ihre Lada-Werke bekannt – doch sie ist gleichzeitig seit Jahrzehnten geprägt von Bandenkriegen, Drogenmissbrauch und frühen Todesfällen. In der örtlichen Phosphorfabrik, die 2003 stillgelegt wurde, stahlen Drogenabhängige viele Jahre lang den Rohstoff, um daraus die Droge Krokodil herzustellen. Krokodil führt bereits nach kürzester Zeit zum Tod. Die neue beliebte Droge „Speed“ ist viel günstiger, einfacher und unauffälliger zuzubereiten und zu konsumieren. Unternehmen, die Zutaten für „Speed” verkaufen, sprühen die Namen und Hashtags ihrer Websites auf die Mauern der ganzen Stadt. Die Konsument*innen kaufen und zahlen online. Tamina-Florentine Zuch schuf mit ihrer Fotodokumentation das Bild einer Stadt, die bereits in der dritten Generation gezeichnet ist von Verfall, Drogen und Verzweiflung.

  • Alltag
  • Drogen
  • Gemeinschaft
  • Krise
  • Russland
3 Fragen
1. Der Türöffner: Kannst du einen prägenden Moment in deiner Karriere als Bildjournalistin beschreiben?

Einen dieser entscheidenden Momente hatte ich während meiner Arbeit in Togliatti, Russland. Dort begleitete ich Drogensüchtige in ihrem Alltag und fragte mich jeden Tag: Wie kann man hier leben? Wie kann man so leben? Warum ist diese Stadt so, wie sie ist? Warum sind die Menschen so, wie sie sind? Jeder Tag warf neue Fragen auf, manche hielten Antworten bereit. Ich versuchte, zu begreifen, warum dieser Ort zur Hölle geworden war, und die Gründe zu verstehen, die es diesen Menschen unmöglich machen, aus diesem Umfeld auszubrechen. Warum den Menschen der Rausch als einziger Ausweg erscheint. Die Fotografie hilft mir zu verstehen. Mit jeder Geschichte, die ich fotografiere, fügt sich ein weiteres Puzzleteil in mein Weltverständnis ein.

2. Der entscheidende Moment: Wann ist dir dein Thema das erste Mal begegnet und wieso hast du dich dazu entschieden, es fotografisch zu bearbeiten?

Gemeinsam mit der Reporterin Bettina Sengling reiste ich nach Russland, um ein Landesporträt zu fotografieren. Wir besuchten Kaviarfarmen, Kamelzüchter, Buddhisten, Klöster, Kadetten und junge Männer, die gern den Zweiten Weltkrieg nachspielen. In Togliatti trafen wir uns mit einer unabhängigen Organisation, die Einwegspritzen und Kondome verteilt und damit in den Augen der Regierung zu Drogenkonsum und Sex motiviert. Wir reisten zwei weitere Male nach Togliatti, um die Geschichten zu finden, die vom Unglück dieser Stadt erzählen. „Left to Die“ dokumentiert eine Gesellschaft, die bereits in dritter Generation mit Zerfall, Drogen und Hoffnungslosigkeit kämpft.

3. Die Zukunft: Wie kann der visuelle Journalismus der Zukunft aussehen?

Die Tendenz geht zum Bewegtbild. Trotz sinkender Auflagen traditioneller Printmedien bietet die Digitalisierung neue Möglichkeiten des Erzählens; Kombinationen aus Bild, Film, Text und Ton ermöglichen eine große Bandbreite an Präsentationen, die den Betrachter*innen emotionale Geschichten schnell nahebringen können. Das erfordert eine gute und fokussierte Zusammenarbeit. Fotograf*innen müssen sich breiter aufstellen und Magazine auf neue Erzählformate umstellen. Vor allem müssen sich die marktführenden Medien auf diese Entwicklung einlassen.

»Es sind nicht HIV und Drogen, die einem in den Sinn kommen, wenn man an Russland denkt.«

Tamina-Florentine Zuch

Beitrag zusammengestellt von Tom Wesse

© für alle Fotos die Fotografinnen und Fotografen
© für alle Videos Lumix Festival Hannover, wenn nicht anders angegeben.

*1990 in Stuttgart, Deutschland
Tamina-Florentine Zuch lebt als freie Fotojournalistin, Videografin und Autorin in Hamburg. Sie studierte Fotojournalismus und Dokumentarfotografie an der Hochschule Hannover und arbeitete als Staff-Fotografin für den Stern. Zuch fotografiert ihre Geschichten weltweit, zuletzt unter anderem im Irak, in Afghanistan und China. 2016 gewann sie den ZEISS Photography Award.

www.tamina-florentine.com
@taminaflorentine

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